Orange Wine ist inzwischen längst nicht mehr etwas Neues, hat aber gleichwohl nach wie vor den Nimbus des Unbekannten und – ja – Neuen. Viele Menschen, die keine ausgewiesenen Wein-Enthusiasten sind, wissen überhaupt nicht, was es damit auf sich hat. Nun, im Grunde handelt es sich um weiße Rebsorten, die verarbeitet werden, als wären es Rote. Das heißt, dass die Schalenhäute und Kerne (und die Kämme, an denen die Trauben hängen) der weißen Trauben mehrere Tage oder Wochen/Monate (in Extremfällen – bei georgischen Weinen beispielsweise – auch Jahre) auf dem Traubensaft belassen werden. Durch die sich vollziehende Gärung und den steigenden Alkoholgehalt, werden die Aromen der Traubenhäute in weitaus stärkerem Maße extrahiert, als dies bei mehrstündigen Maischestandzeiten, die sonst üblich sind, der Fall ist.

So weit, so spannend. Für mich war jedenfalls klar, dass ich mal ein Exemplar der Gattung Orangewein probieren wollte. Bei der Recherche fiel mir dann auf, dass Orangeweine meist recht sportlich bepreist werden: unter 10 Euro wird nur wenig angeboten.

Durch einen meiner ehemaligen Lieblingsblogs, der leider nicht mehr aktiv betrieben wird – es handelt sich um Manfred Klimeks thewineparty.de – stieß ich auf das Weingut Enderle und Moll, das in der badischen Ortenau – der Riesling-Enklave Badens – beheimatet ist.

As Orange as it gets – Enderle & Molls naturnaher Wein

Sven Enderle und Florian Moll haben sich während ihrer Winzerausbildung kennengelernt. Beide haben schon früh erkannt, dass sie biodynamischen Weinbau betreiben wollen. Über dieses ausufernde Thema werde ich wohl auch mal einen separaten Artikel verfassen müssen. Auf die Schnelle nur so viel: neben sehr strengen Auflagen, die auch für ‚normalen‘ ambitionierten, biologischen Weinbau gelten, richten sich biodynamische Winzer beispielsweise auch nach dem Mondkalender und stellen selbst Präparate in Kuhhörnern her. Ja, genau, Kuhhörner. Aber wie gesagt, dazu ein anderes Mal mehr.

Seit 2007 betreiben beide ihr gemeinsames Weingut, in dem sie so konsequent naturnah arbeiten, wie es nur geht: die Moste werden nicht vorgeklärt, nicht geschönt, nicht filtriert und nur minimal geschwefelt. Weißweine im klassischen Sinn gibt es nicht im Sortiment der Zwei, da alle Weine lange auf der Maische ausgebaut werden. Das ist bei ihren Spätburgundern, für die sie sehr viel Lob bekommen, soweit nichts Besonderes. Bei ihren Weiß- und Grauburgundern sowie bei ihren Müller-Thurgaus ist das dagegen schon recht außergewöhnlich.

Besagter Klimek empfiehlt nun in einem Artikel[1] die Cuvee (Rebsortenmischung) aus Grau- und Weißburgunder, der er „Gemüsesuppen-Merkmale, die die Sortentypizität verdrängen“, zuschreibt und die er aber trotzdem als schmackhaft bewertet und mit Craftbeer vergleicht.

Die Verkostung: Orangewine oder Apfel- und Gemüsecidre?

Da der Wein mit rund 8,90€ gut im Beuteschema liegt, ließ ich mich nicht lange bitten, besorgte eine Testflasche und verkostete den Wein über mehrere Tage hinweg mit meiner Frau. Wobei, das stimmt nicht so ganz, denn sie stieg nach dem ersten Verkostungstag den Mund verzerrend aus. Und auch mir schmeckt, ich kann es an dieser Stelle vorwegnehmen, dieser Wein zu speziell. Die dunkelgelbe bzw. hellorange Farbe des trüben Weins gefällt mir sehr gut, nur ist das letztlich der unwichtigste Teil des Weins. In der Nase offenbarte er jedenfalls sogleich seine Eigenständigkeit und zeigte sich präsent. Im ersten Moment dachte ich, das Barrique zu riechen, in dem der Wein ausgebaut wird. Da es sich aber vermutlich um ein bereits mehrfach genutztes Fass gehandelt haben dürfte, war das, was ich als Fassaromen wahrnahm – Eichenwürze, Vanille – wohl eigentlich Ergebnis der langen Maischegärung. Mehr und mehr roch ich dann tatsächlich die gemüsigen Noten, die Klimek nennt. Brokkoli allen voran. Ein in Hinblick auf Wein wirklich befremdliches olfaktorisches Erlebnis… Daneben fiel auf, dass der Wein in der Nase eigentlich gar keine Fruchtaromen anbot. Im Mund rief er dann, nachdem er etwas Luft bekommen hatte, deutlich den Eindruck von einem gelben Apfel mit relativ deutlicher Säure hervor. Der Vergleich zu Craftbeer leuchtete auch ein Stück weit ein, weil er einen relativ vollen Körper hat, der teilweise Assoziationen an Malz hervorruft. Allerdings nur sehr dezent. Im recht langen Abgang, kam dann neben einer Mandelnote wieder ein bisschen das brokkolihafte hervor. Am nächsten Tag war es, als hätte mir jemand die Augen geöffnet: die Apfel-Assoziation des Vortags hatte sich dahingehend erweitert, dass mir der Wein immer stärker wie ein französischer Cidre, der sehr trocken ausgebaut und nicht-filtriert wird, vorkam.

Irgendwie ließ er mich ratlos zurück. Vielleicht ist das etwas, woran man sich erst gewöhnen muss, damit es einem schmeckt. So wie Jugendlichen der erste Kaffee bzw. das erste Bier ja in der Regel auch nicht schmeckt. Gut möglich, dass mir andere Vertreter der Zunft Orangewein besser zusagen werden. Gerade in Hinblick auf die Maischestandzeit gibt es ja doch einen erheblichen Spielraum und wie andere Rebsorten auf die Maischestandzeit reagieren, ist mir natürlich auch noch vollkommen unbekannt. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis mich die Experimentierfreude überkommt und ich mal wieder zu Orangewein greifen werde. Die Zeit ist jetzt allerdings noch nicht reif dafür …

[1] Manfred Klimeks Text über Grau & Weiß von Enderle und Moll