Seit geraumer Zeit versuche ich die Rebsorte Pinot Noir, in Deutschland besser bekannt als Spätburgunder, zu ergründen. Das rührt ganz einfach daher, dass es sich um eine der in qualitativer Hinsicht wichtigsten Rebsorten weltweit handelt. Dieses Ergründen ist aber, gerade wenn man wie ich innerhalb eines begrenzten Preisspektrums nach guten Weinen sucht, gar nicht so einfach. Denn der Spätburgunder ist eine legendär zickige und schwierige Rebsorte im Anbau. Das liegt unter anderem an der kompakten Struktur der Trauben und deren Dünnhäutigkeit. Diese Kombination führt nämlich bei anhaltender Nässe gerne einmal dazu, dass die Trauben einander abdrücken, aufplatzen und für Fäulnis sorgen. Der erschwerte Anbau wirkt sich leider auch auf den Preis aus: guter Spätburgunder, ist im Vergleich zu einer Rebsorte wie Merlot in der Regel immer etwas teurer.

Ich musste schon diverse herbe Enttäuschungen mit Spätburgundern erleben – der Spätburgunder Gutswein vom Kloster Eberbach mit seinem viel zu dünnen Körper und seiner unangenehm moussierend wirkenden Säure war z. B. so eine krachende Enttäuschung. Umso mehr war ich auf der Suche nach einem guten Spätburgunder, der sich preislich innerhalb meines Beuteschemas bewegt. Beim Wälzen des Gault Millau entdeckte ich dann Hans Peter Ziereisens Spätburgunder Tschuppen, der rund 12€ ab Hof kostet, mit 89 Punkten bewertet und explizit als Schnäppchen bezeichnet wurde (Jahrgang 2012).

Das weckte schon mal gehörig meine Erwartungshaltung. Dazu kam, dass ich Ziereisen desto interessanter fand, je mehr ich über ihn las.

Ziereisens Herkunft und Herangehensweise

Der in Efringen-Kirchen beheimatete Winzer, der eigentlich gelernter Tischler war, bevor er sich ganz dem Wein widmete, hat sein Herz nämlich insbesondere an die Rebsorten Gutedel und Spätburgunder verloren. Letztere macht mit 45% dann auch konsequenterweise den Großteil seiner Rebflächen aus. Das alleine würde Ziereisen nicht großartig von anderen Winzern unterscheiden. Er hat aber gegenüber vielen anderen den Vorteil, mit dem Efringer Ölberg eine von Jurakalk dominierte Lage sein eigen nennen zu dürfen. Das ist insofern sehr relevant, da die besten Weine aus dem französischen Burgund (und die Pinot Noirs der Champagne) ebenfalls auf sehr kalkhaltigen Böden wachsen, die als das Maß der Dinge für den Spätburgunder gelten. Dazu kommt, dass Ziereisen naturnahen Weinbau betreibt und alle Weine ausnahmslos spontan vergärt, d. h. die Gärung den wilden Hefen seines Ölbergs überlässt. Hinsichtlich der geographischen Gegebenheiten und des Ansatzes (wilde Hefen, lange Maischestandzeit, Lagerung in gebrauchten und neuen Barriques bzw. besser gesagt Piéces) fand ich bei meiner Recherche über das badische Markgräflerland Übereinstimmungen mit den Weingütern Henrik Möbitz (Ehrenstetter Ölberg) und Claus Schneider (Weiler Schlipf) sowie Martin Wassmer (Ehrenstetter Ölberg und Staufener Schlossberg). Alle drei sind für sich genommen interessant genug, um in eigenen Artikeln behandelt zu werden, aber zurück zum Thema.

Meine Hoffnung war es nun also, mit Ziereisens Tschuppen (der Name verweist übrigens auf ein Gewann innerhalb des Ölbergs) einen wahrhaft burgundischen Spätburgunder zu einem vergleichsweise günstigen Preis erstanden zu haben, da Pinot Noirs aus dem Burgund für unter 15 Euro schon richtig schwer zu finden sind.
Wie gesagt, die Erwartungshaltung war recht hoch …

Der Moment der Wahrheit, die Verkostung

Als ein zusammen mit einem weinaffinen Freund geplanter Wanderausflug ins Allgäu anstand, war der perfekte Zeitpunkt zum Öffnen gekommen. Auch er hatte schon einiges über Ziereisen gehört und gelesen und war somit nicht weniger gespannt und erwartungsvoll als ich.

Aber wie war der Wein denn nun? Gut, er war wirklich gut. Und doch waren wir beide etwas enttäuscht. Zu viel hatten wir erwartet. Der Wein war letztlich perfekt balanciert. Die Säure – ich hatte sie höher erwartet – war für einen Spätburgunder sehr moderat. Ziereisen gibt keine analytischen Werte zu seinen Weinen raus. Ich vermute aber, dass sie sich zwischen 5 und 5,5 Gramm pro Liter bewegt haben dürfte. Er war für einen Spätburgunder sogar tendenziell ein eher dunkler Vertreter, was für eine nicht ganz kurze Maischestandzeit, in der die Tannine der Traubenhäute ausgelaugt werden, spricht. Das kann aber auch eine optische Täuschung gewesen sein, die daher rührt, dass Ziereisen seine Rotweine unfiltriert abfüllt. Das Tannin war absolut seidig, so wie es sich für einen Spätburgunder gehört – zugleich war mehr davon vorhanden, als bei vergleichbaren Durchschnittsspätburgundern. Vom Fassausbau hat man so gut wie nichts gemerkt, es dürfte sich um vielfach belegte Piéces handeln, die nicht mehr aktiv Geschmack an den Wein abgeben. Entgegen dem Ziereisen zugeschriebenen Credo „Frucht ist Kitsch“ enthält dieser Wein eine durchaus schöne Frucht, die an dunkle Kirschen erinnert. Mit diesem Credo dürfte aber vielleicht eher gemeint sein, dass Ziereisen seine Weine konsequent trocken ausbaut und weitestgehend auf dienenden Restzucker verzichtet. Wie dem auch sei. Die fruchtigen Geschmacksnoten verbinden sich jedenfalls wunderbar mit einer sehr dezenten pfeffrigen Würzigkeit. Wollte ich den Charakter des Weins mit einem Attribut erfassen, dann wäre dies wohl „ausgeglichen“. Das scheint mir letztlich auch der Grund zu sein, wieso wir leicht enttäuscht waren. Wir hatten bei dem markanten Winzer Ziereisen wohl einfach einen eigenwilligeren, fordernderen Wein erwartet.

Ist das nun ein Problem für diesen Wein? Nein, absolut nicht – es ist eher unser Problem. Der Wein bringt nämlich tatsächlich ein sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis mit und schmeckt einfach gut. Ich kann ihn allen Spätburgunderfreunden absolut empfehlen. Mehr noch möchte ihn aber denjenigen empfehlen, die jemanden, der die Rebsorte Spätburgunder nicht kennt oder nicht mag, bekehren möchten. Die Chance, dass der Tschuppen das schafft, stehen nämlich gut!