Im ersten Beitrag dieses Blogs hatte ich ja darauf hingewiesen, dass ich gerne neue Weine ausprobiere. Mein neugieriges Wesen brachte mich vor ein paar Jahren dazu, mich ein wenig über sogenannte pilzwiderstandsfähige Rebsorten (Piwis) zu informieren. Der Grund hierfür war, dass ich die wahnwitzig erscheinende Idee hatte, einen kleinen Weingarten im Unterallgäu (auf immerhin 625 Meter Höhe gelegen) anzulegen. Um dieses Turmbau-zu-babeleske Vorhaben realisieren zu können, suchte ich nach passenden Rebsorten. Da es zudem klar war, dass ich mich nicht häufig um die Pflege würde kümmern können, kam ich relativ schnell auf Piwis, da diese viel seltener mit Kupfer, Schwefel oder anderen Mitteln behandelt werden müssen, um von echtem und falschem Mehltau, den zwei gefährlichsten Rebkrankheiten, verschont zu bleiben. Sie bieten zudem den Vorteil, dass es Sorten gibt, die so gezüchtet wurden, dass sie auch unter relativ kühlen Bedingungen eine gute Reife erreichen. Hierfür werden Rebsorten, die wenig robust sind, aber gut schmeckende Ergebnisse liefern (alle konventionellen Rebsorten, die man so kennt …), mit aus Nordamerika oder Asien stammenden Wildreben, die sehr krankheitsresistent sind, aber nicht sonderlich gut schmecken und dem Verbraucher deswegen nicht bekannt sind, gekreuzt. Das Ziel hierbei ist natürlich, möglichst das Beste aus beiden Welten zu vereinen.

Die Auswahl der Rebsorten

Diese Kreuzungen werden meisten nach ihrer geschmacklichen Nähe zu ‚normalen‘ Rebsorten klassifiziert. Die weiße Rebsorte Solaris soll beispielsweise eine gewisse Nähe zu Weinen haben, die aus Sauvignon Blanc gekeltert werden. Eine genetische Verbindung muss aber natürlich nicht bestehen. Solaris enthält beispielsweise keinerlei Spur von Sauvignon Blanc. Ihre ‚normalen‘ Vorfahren sind Riesling und Grauburgunder, die ihrem im direkten Vorfahren Merzling – auch ein Piwi – enthalten waren. Im Fall der Rebsorte Johanniter, die dem Riesling geschmacklich ähneln soll, ist dieser dagegen tatsächlich ein genetischer Vorfahre.
Um das Risiko, dass eine Sorte eventuell doch nicht gut gedeiht und keine guten Ergebnisse liefert, zu minimieren, entschied ich mich, zwei verschiedene Rebsorten anzupflanzen. Eine davon war Solaris. Ich wählte Sie aus, weil ihr eine sehr gute Resistenz gegen echten und falschen Mehltau attestiert wird. Die zweite Rebsorte, die ich wählte, war Regent. Diese rote Rebsorte hat interessanterweise mit Silvaner und Müller-Thurgau lediglich weiße Rebsorten als ‚normale‘ Vorfahren. Ihr wird im Vergleich zu Solaris eine deutlich geringere Robustheit gegenüber Krankheiten attestiert. Was sie mich wählen ließ, war der Umstand, dass sie sensorisch positiv beurteilt wird und zu den meistangebauten Piwi-Rebsorten zählt. Bei dem jährlich stattfindenden Wettbewerb von Piwi-International belegen Weine, die aus Regent gekeltert werden, seit Jahren die Top Ten.[1] Was sich schon derart durchgesetzt hat, so dachte ich mir, kann so schlecht nicht sein.
Und wie erging es den zwei 2016 gepflanzten Rebsorten bisher? Die bereits vorerzogenen Reben lieferten im Jahr ihrer Pflanzung sage und schreibe 220ml Wein, der als Rosé mit sehr kurzem Schalenkontakt ausgebaut wurde. Über den Geschmack will ich schweigen – nur soviel sei gesagt: der Wein legte die Latte, die es zukünftig zu übertreffen galt, dankenswerterweise recht niedrig. Die letzte Ernte hätte durchaus größer ausfallen können, hätte nicht der brutale Spätfrost so gut wie alle Solaris-Triebe vernichtet. Der Regent kam dagegen erstaunlich glimpflich davon. Ihm hat wohl der Umstand, dass er etwas später austreibt als der Solaris, die Haut gerettet. Das Endergebnis ist jedenfalls vor etwa drei Wochen filtriert und gefüllt worden und muss sich momentan etwas erholen, da es sich, wie viele gefilterte Weine, aktuell noch vom sogenannten Filterschock erholen muss. Das bedeutet, dass der Wein in den ersten Wochen nach der Filtrierung durch das mechanische Umwälzen und die erhebliche Zufuhr von Sauerstoff während dieses Prozesses temporär an Aroma eingebüßt hat, dass er im Zuge der Bindung des zugegebenen Schwefels (Kaliumpyrosulfit) wiedergewinnt. Eine Bewertung sowie ein Verkostungsbericht kann also an dieser Stelle noch nicht geliefert werden. Um das diesen Beitrag aber nicht allzu trocken enden zu lassen, will ich kurz auf einen Regent eingehen, den ich zwar nicht selbst angebaut, dafür aber getrunken habe.

Ziereisens Regent Mariechäfer

Im Jahr 2016 trank ich den 2010er Regent Mariechäfer vom Weingut Ziereisen, über das ich hier bereits berichtet habe. Den Wein konnte ich für rund 7,50€ erstehen. Erstaunlich für einen Wein in dieser Preisklasse finde ich die 5 Wochen Maischestandzeit, die dem Wein gegeben werden, und die danach folgende 18 Monate dauernde Reifung in gebrauchten Barriques. Zusammen mit dem Umstand, dass Regent ein kräftiger Charakter mit ordentlich Gerbstoff zugeschrieben wird – Rebsorten wie der südfranzösische Carignan lassen grüßen – erwartete ich einen eher mediterranen Typ im Glas. Doch es kam anders …
Weine, die aus Regent gekeltert werden, sollen laut Jancis Robinsons Wine Grapes Fruchtaromen im Spektrum von Kirsche bis schwarze Johannisbeere haben. Ziereisens Regent zeigte nach dem Öffnen in der Nase erst einmal gar nichts, bevor er sich nach einiger Belüftung dazu hinreißen ließ, tatsächlich Anklänge an schwarze Johannisbeere zaghaft freizugeben. Von dem Holzfassausbau merkte man so gut wie nichts. Schon das Aroma vermittelte den Eindruck, dass hier ordentlich Säure folgen wird. Genau so kam es dann auch. Im Mund war eine deutliche Säure vorhanden, die für meinen Geschmack leider auch etwas zu viel des Guten war. Der Holzfassausbau schlug sich geschmacklich dergestalt nieder, dass die üppigen Tannine wunderbar weich und samtig waren, was ich auch auf den Ausbau im Barriquefass zurückführe, der durch die Mikrooxidation die Tannine ‚rundet‘. Erstaunlich war dann der Abgang, denn der Wein blieb relativ lange am Gaumen zurück und rief dabei – und das hat ein Rotwein bei mir noch nie zuvor geschafft – die relativ deutliche Assoziation von roter Beete (sauer eingelegt) hervor. Die Säure mit den dennoch samtigen Tanninen und der ungewöhnlichen Gemüse-Assoziation verleiten mich an dieser Stelle zu der großspurigen Aussage, dass ich diesen Wein in einer Blindprobe mit südfranzösischen Weinen immer als Piraten erkennen würde. Das Geschmacksprofil dieses Weins veranlasste mich nicht nur dazu, die Wahl meiner Pflanzung etwas in Frage zu stellen, sondern auch zu der These, dass sich Piwi-Weine aufgrund ihres sich außerhalb des ‚gewöhnlichen‘ Geschmacks bewegenden Charakters wohl nie außerhalb ihrer Nische werden durchsetzen können. Tja, besagte These hielt zum Glück nicht lange. Liebe Piwis, Ihr könnt aufatmen; die Würfel sind noch nicht gefallen. Doch davon ein anderes Mal mehr.