Nebbiolo ist die rote Rebsorte, aus der die zwei weltberühmten Weine Barolo und Barbaresco gekeltert werden. Der Barolo wird (besonders von Winzern, die ihn anbauen) als ‚König der Rotweine‘ bezeichnet, als derjenige also, der über allen anderen steht. Markige Worte. Der Anspruch, König der Weine zu sein, wurde im Laufe der Jahrhunderte übrigens auch dem Vino Nobile di Montepulciano, einem Rotwein aus der Toskana, der aus der Rebsorte Sangiovese gekeltert wird, Weinen aus der heutigen Appellation Gevrey-Chambertin aus dem französischen Burgund, die aus Pinot Noir gekeltert werden, und den edelsüßen Weinen aus dem ungarischen Tokaj, die aus Furmint, Lindenblätteriger und Gelber Muskateller gekeltert werden, zugesprochen.[1] [Interessanterweise also fast ausschließlich solchen Weinen, die aus Rebsorten mit einer naturgemäß höheren Säure gewonnen werden. Doch zurück zum Nebbiolo, dessen Name sich vom italienischen Nebbia, Nebel, ableitet. Der Grund für die Namensgebung ist übrigens wohl nicht der Nebel, der sich in den piemontesischen Weinbergen, der Heimat des Nebbiolos, im Herbst einnistet. Stattdessen geht man davon aus, dass die grau-weißliche Trübung der Beeren, die an Nebel erinnert und sich im Zuge der Reife ausprägt, namensgebend war.

Das Profil des Königs

Die Rebsorte Nebbiolo hat relativ kleine, dicht wachsende Beeren und wird erst verhältnismäßig spät im Herbst als eine der letzten Rebsorten des Piemonts reif. Diese zwei Faktoren bedingen oder unterstützen meiner Meinung nach zwei Besonderheiten von Nebbiolo-Weinen: sie haben viel Tannin und eine hohe Säure. Ersteres ergibt sich aus den kleinen Beeren, die dafür sorgen, dass verhältnismäßig mehr Traubenhäute und somit auch mehr Tannine in den Wein gelangen als bei Rebsorten mit eher großen Trauben wie es der württembergische Trollinger (in Südtirol Großvernatsch genannt) oder der mallorquinischen Manto Negro sind. Die relativ hohe Säure wird durch die späte Ernte begünstigt, insofern das Wetter auch im italienischen Piemont im Herbst schon empfindlich nass und kühl sein kann, was in den Trauben die Säure erhält. Das krasse Gegenteil hierzu sind z. B. Weine aus dem heißen Australien oder der Provence, bei denen infolge der Hitze die Säure teilweise bis auf 3 Gramm pro Liter absinkt.

Der König hat alles im Überfluss

Mein persönliches Problem mit Nebbiolo ist, dass der Wein gerade mit seinen Attributen Säure und Tannin nicht geizt. Der geneigte Weintrinker kann dementsprechend leicht mehr vom Nebbiolo bekommen, als er erwartet hat. Ich hatte vor rund fünf Jahren, als ich begann mich intensiv für Wein zu interessieren, ein solches Erlebnis bei einer professionellen Weinprobe. Es waren bereits 12 Weine verkostet worden. Den krönenden Abschluss sollte ein Barolo für schlappe 36 Euro bilden. Die folgende Verkostung ließ mich und meine ebenfalls an der Weinprobe teilnehmenden Freunde vollkommen verstört zurück. „Wer gibt um Himmelswillen so viel Geld für einen ungenießbaren Wein aus?“ sprachen unsere Blicke. Dem Weinhändler gegenüber wurde beredt geschwiegen. Was war geschehen? Der Wein hatte mit seiner starken Säure und seinen extrem starken Tanninen einen Blitzkrieg in unseren Mundinnenraum begonnen. Dort zog sich alles zusammen und war hochgradig belegt vom austrocknenden, förmlich kaubaren Tannin. Schön war das nicht. Wie hatte es dazu kommen können? Durch meine nachfolgenden Recherchen erfuhr ich, dass Nebbiolo-Weine aufgrund ihrer Tannine sowie Ihrer Säure eine sehr lange Lagerung brauchen, in deren Folge die Tannine weich bzw. mürbe werden und sich die Säure etwas rundet und integriert. Vor dem Hintergrund dieses Wissens besorgte ich mir vor ein paar Jahren den Nebbiolo D`Alba Bricco Reala 2011 vom Weingut Bel Colle für knapp 10€. Ein größeres finanzielles Risiko wollte ich aufgrund meines ersten Erlebnisses nicht eingehen. Den Wein, der vom Gambero Rosso immerhin zwei Gläser bekam, öffnete ich Ende 2016 nach rund 5 Jahren Lagerung. Der Grund hierfür war, dass das Weingut eine Haltbarkeit von 5-6 Jahren angibt. Heute weiß ich, dass dieser Wein, wenn der Korken weiterhin mitgemacht hätte, auch problemlos 10 Jahre lang hätte gelagert werden können. Als ich ihn öffnete, war er anfangs total verschlossen. Es kam so gut wie gar kein Geruch aus dem Glas. Da ich mich eingelesen hatte, wusste ich was zu tun war, und ließ den Wein erst einmal drei Stunden lang atmen. Tatsächlich tat sich erst dann etwas. Er ließ zaghaft eine florale Note hervortreten – die berühmte Veilchennote, die diesen Weinen zugeschrieben wird. Wirklich ein tolles Dufterlebnis, wenn es sich denn mal zeigt. Ansonsten klang schon in der Nase an, dass sich dieser Wein nicht über die Frucht, sondern über die Würze definiert. Im Mund war aber auch dieser Wein sofort deutlich und nachhaltig adstringierend und hinterließ absolute, nicht sehr angenehme Trockenheit. Leider kann ich nicht beurteilen, wie die Tannine gewesen wären, wenn ich dem Wein einfach noch mal 3 bis 5 Jahre gegeben hätte vor dem Öffnen. So hatte ich aber fast das Gefühl Babymord zu begehen. Im Mund blieben Eindrücke verschiedenster Würzigkeit zurück: Kaffee, Kardamom, aber auch viel Diffuses, was ich nicht genau benennen konnte. Beim späteren Nachlesen fiel es mir wie Schuppen von den Augen: die trockene Würzigkeit hatte wirklich auch eine gewisse Nähe zum Geruch von Herbstlaub und Schießpulver. Beides – das ist kein Witz – gehört neben Teer, Lakritz und getrockneten Kirschen zu den typischen Aromen von Nebbiolo-Weinen. Eine wahrlich außergewöhnliche Kombination von Aromen, die, auch wenn es vielleicht nicht so klingt, eine tolle Harmonie miteinander bilden können.
Deswegen muss man definitiv festhalten, dass die Weine einen einzigartigen Charakter haben und deswegen einmal ausprobiert werden sollten. Nur wenn Sie es tun, seien sie schlauer als ich und geben sie ihren Nebbiolo Weinen viel Zeit im Keller und viel Zeit an der Luft, bevor sie sie trinken. Und verschenken Sie solche Weine bitte nur mit der mündlich übermittelten Gebrauchsanweisung, wenn Sie Enttäuschung oder Entrüstung beim oder der Beschenkten vermeiden wollen. Eine lange Lagerung und viel Luft wird diesen Weinen wohl nur in den allerseltensten Fällen schaden. Doch auch wenn das alles befolgt wird, ist Vorsicht geboten: Nicht umsonst schreibt Captain Cork einem 43 Jahre lang gereiften Barolo zu „[i]m Mund immer noch sadistische Härte, enorme Säure und Tannin“ zu haben, was sich wohl erst „in Jahren geben“ werde.[2]

[1] Artikel zu den königlichen Weinen

[2] Captain Cork zum Barolo Bricco Boschis vom Weingut Cavalotto