Wird die kanonisierte Literatur daraufhin betrachtet, ob und inwiefern sie sich mit Themen des Genusses befasst, so kann man durchaus fündig werden. Sei es in indirekter Form wie bei Kafkas Hungerkünstler, der nur ein solcher wurde, weil er laut eigener Aussage schlicht und einfach keine Speise fand, die ihm schmeckte, oder sei es in direkter Form. Letzterer Fall lässt sich beispielsweise in Goethes Faust I finden. Besonders in jener Szene in Auerbachs Keller, in den Mephistoteles Faust führt, um ihm zu zeigen, „wie leicht sich’s leben lässt“. Im Keller befinden sich mit Frosch, Brander, Altmayer und Siebel vier Studenten, in nicht mehr ganz nüchternem Zustand, die Mephistoteles durch das Singen eines Liedes für sich gewinnt. Das anschließende Anstoßen auf das Lied verweigert er mit dem Verweis auf die schlechte Qualität des vor Ort ausgeschenkten Weins. Postwendend bietet er der Runde an, aus seinem „Keller was zum Besten“ zu geben, was diese gerne annimmt. Mephistoteles befragt daraufhin einen jeden, was er zu trinken wünscht und lässt es aus einem gebohrten Loch im Tisch fließen.
Frosch, der erste Befragte der Runde wünscht sich daraufhin einen „Rheinwein“. Brander, der zweite in der Runde, wünscht sich „Champagner Wein“, der recht „mussirend“ sein soll. Siebel, der dritte im Bunde der angeheiterten Gesellschaft, wünscht sich anschließend einen Süßwein, woraufhin ihm Mephistoteles einen „Tokayer“ kredenzt. Lediglich Altmayer, der letzte Befragte, ergreift die sich bietende Chance nicht und zeigt sich besonders wahllos, wenn er Mephistoteles antwortet, dass er jeden Wein nimmt. Die Runde wird anschließend wunschgemäß versorgt, bevor es im Zuge des maßlosen Umgangs mit dem Alkohol zum Regelbruch kommt, den zu zeigen, Mephistoteles bestrebt ist, indem er den verschütteten Wein aufflammen lässt, um die „Bestialität“ der Gesellschaft zu „offenbaren“.

Die Weinauswahl Goethes

An dieser sonst nicht weiter spektakulären Szene ist für die folgende Beobachtung relevant, dass sich die angetrunkene Runde wünschen darf, was sie will. Dementsprechend liegt es auf der Hand, dass sie sich von Mephistoteles keine billigen Weine erbittet, sondern stattdessen das Beste wählt, was es zu dieser Zeit gibt.
Zuerst einmal gilt es zu klären, was Frosch mit seinem „Rheinwein“ eigentlich genau begehrt. Mein erster Gedanke war, dass es ein Wein aus den Anbaugebieten sein muss, die den „Rhein“ schon im Namen tragen: Rheingau, Rheinhessen und Mittelrhein. Tatsächlich lag ich mit dieser Einschätzung schon weitestgehend richtig, wobei zudem auch die damals bayerische Anbauregion (Rhein)pfalz als „Rheinwein“ verkauft wurde.[1] Ja, der Rhein fließt auch durch die Pfalz, das stimmt. Aber er fließt auch weitaus länger durch Baden. Logischerweise hätte somit genauso gut badischer Wein als Rheinwein klassifiziert und verkauft werden dürfen, was aber nicht geschah. Die historische Klassifizierung als Rheinwein umschloss folglich sehr großzügig fast jede Weinbauregion, durch die der Rhein fließt.
Geht man von heutigen Gegebenheiten aus, so liegt die Vermutung nahe, dass Frosch einen Riesling zu trinken wünscht, da im Rheingau und am Mittelrhein fast ausschließlich Riesling angebaut wird und er auch in Rheinhessen einen vorderen Platz unter den meistangebauten Rebsorten für sich beanspruchen darf. Bestätigt wird diese Annahme dadurch, dass sich bereits im Jahr 1435 ein Beleg für die Pflanzung von Rieslingen finden lässt und der endgültige Siegeszug des Rieslings ab Mitte des 17. Jahrhunderts beginnt.[2] Dieser Siegeszug war übrigens ein ‚von oben‘ herbeigeführter Prozess: oftmals erließen Bischöfe und Fürsten, dass nur noch edlere Sorten wie der Riesling angebaut und neu gepflanzt werden durften, was dann beispielsweise zulasten des Elblings ging.[2]
Vergleicht man nun Froschs Wunsch mit dem heutigen Weinanbau in Deutschland, dann fällt auf, dass die teuersten und qualitativ hochwertigsten deutschen Weißweine nach wie vor Rieslinge sind. So wurde für eine 0,75-Liter-Flasche 2003er Trockenbeerenauslese vom Weingut Egon Müller-Scharzhof auf einer Versteigerung im Jahr 2015 12.000 Euro gezahlt. Sie sind damit offiziell die teuersten deutschen Weißweine aller Zeiten. Unabhängig hiervon gibt es keine zwei Meinungen zur Qualität der Weine Egon Müllers. Einen Haken gibt es jedoch: seine Weine sind zwar reinrassige Rieslinge, wachsen aber an der Saar. Die Rieslinge des rheinhessischen Weinguts Klaus Peter Keller, der neben Egon Müller unangefochten als bester Winzer Deutschlands gilt, wachsen dagegen zumindest zum Teil in direkter Nähe des Rheins. So stehen seine Großen Gewächse aus den Niersteiner Lagen Pettenthal und Hipping auf dem sogenannten ‚roten Hang‘, der sich durch seine Ausrichtung nach Osten und seine vom Eisengehalt rötlich gefärbten Schiefböden auszeichnet.
Dass Brander sich mit Champagner wirklich das französische Original wünscht, machen seine diffamierenden Ausführungen klar: „Man kann nicht stets das Fremde meiden, / Das Gute liegt uns oft so fern. / Ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden, / Doch ihre Weine trinkt er gern.“ Ohne sie wäre der Fall nicht so eindeutig, da die Verwendung des Begriffs Champagner zum Entstehungszeitpunkt des Faust noch lange nicht eindeutig geklärt war. Denn der Begriff Champagner wurde erst mit dem Erlass des Friedensvertrags von Versailles zur geschützten geografischen Bezeichnung, die deutsche Winzer – und in der Folge auch französische – nicht mehr nutzen durften. Auch hier zeigt sich im Vergleich zum heutigen Weinmarkt eine relativ hohe Kontinuität, insofern in der Champagne nach wie vor die besten Schaumweine der Welt hergestellt werden. Natürlich gibt es starke Konkurrenz aus der italienischen Region Franciacorta und perspektivisch wohl auch starke Konkurrenz aus dem Süden Englands – und schwarze Schafe gibt es in der Champagne natürlich auch nicht gerade wenige –, aber unter dem Strich werden hier die Schaumweine hergestellt, die das Maß der Dinge sind.
Bleibt noch der Tokajer, den Mephistoteles Siebel auf seine Bitte nach einem Süßwein hin kredenzt. Süßweine wie der Tokajer, der traditionell aus den Rebsorten Furmint, Lindenblättriger und Gelber Muskateller gekeltert wird – seit Mitte des 20. Jahrhunderts auch aus der Neuzüchtung Zéta –, wurden bereits im 13. Jahrhundert nach Deutschland importiert und genossen bereits zu diesem Zeitpunkt einen vortrefflichen Ruf, da Süße ein eher rares Gut war. Obwohl der Handel mit aus Zuckerrohr gewonnenem Zucker bereits im 16. Jahrhundert florierte und die Europäer zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch die neu gezüchtete Zuckerrübe Ihre Versorgung mit Süße immer mehr selbst in die Hand nahmen, war der Süßwein aus dem ungarischen Tokaj nach wie vor hochgeschätzt. Zieht man auch hier den Vergleich zu heutigen Verhältnissen so muss wohl am ehesten eine Diskontinuität feststellen. Die Süßweine aus Tokaj haben im 21. Jahrhundert mit zwei Problemen zu kämpfen. Durch die Zeit, die Ungarn Teil des Ostblocks war, war das Image massiv beschädigt worden. Das lässt sich darauf zurückführen, dass Ungarn neben Bulgarien als eines der Hauptproduktionsländer für Wein im Ostblock auserkoren worden war. Da das Plansystem des Ostblocks darauf ausgelegt war, die Produktion immer weiter zu steigern, sich dies aber gerade beim Weinbau nicht ohne heftige Qualitätseinbußen machen lässt, wurde der Ruf ungarischen Weins nachhaltig beschädigt. Ein Umstand, der dem ungarischen Weinbau noch heute etwas nachhängt. Erschwerend zu dieser historischen Fügung kommt hinzu, dass Süßweine insgesamt gegenwärtig einen schweren Stand haben und vom Weinmarkt kaum nachgefragt werden. Unabhängig hiervon produzieren Weingüter wie das vom Weinkritiker Hugh Johnson gleich nach Ende des Ostblocks gegründete Weingut Royal Tokaji Wine Company oder Oremus wieder großartige Süßweine. Um auf der Produktion nicht sitzen zu bleiben, produzieren beide Weingüter inzwischen auch im großen Umfang trockene Weine. Der Tokajer Süßwein hat folglich aufgrund historischer Bedingungen und der Abkehr des Kundengeschmacks im Vergleich zu Zeiten Goethes erheblich an Prestige eingebüßt. Da aber inzwischen seit rund 27 Jahren wieder intensiv an der Qualität des Tokajers gearbeitet wird und es nicht ausgeschlossen werden kann, dass sich der Geschmack in den kommenden Jahren wieder zu seinen Gunsten ändert, kann es sein, dass Goethes Auswahl der begehrtesten Weine in Zukunft noch mehr Gültigkeit für sich wird beanspruchen können.

[1] Deckers, Daniel: Wein neu entdeckt. Die Rückkehr des Rheinweins. In: FAZ 28.10.2014

[2] Braatz, Dieter; Sautter, Ulrich; Swoboda, Ingo: Weinatlas Deutschland. München 2007, S. 21