Geschmäcker sind bekanntlich verschieden und über Geschmack lässt sich nicht streiten. Aber das, was einem nicht so gut schmeckt, kann man natürlich entschieden oder auch launig formulieren. Von dieser Möglichkeit wird ausgiebig Gebrauch gemacht. Ich bin da keine Ausnahme. Da ich selbst fleißiger Leser von Weinblogs bin, ist mir aufgefallen, dass sich in den letzten Jahren bei vielen Weinbloggern, die ich sehr schätze, ein gemeinsamer Feind herauskristallisiert hat: Der Grauburgunder. Dirk Würtz schmeckt er „beinahe nie“ – dennoch lobt er den Grauburgunder vom Weingut Wasem. Der ‚Schnutentunker‘ Felix Bodmann variiert das von Würtz betriebene „Ich mag ja eigentlich keinen … , aber dieser…‘-Spiel und befindet, dass er Grauburgunder wie der Wein Harte Erde vom Weingut Zalwander genau dann mag, wenn er elegant und mineralisch wie ein großer Chardonnay aus dem Burgund schmeckt. Die sortentypischen Vertreter ihrer Zunft haben für ihn dagegen „eine Geschmackskomponente, die an Katjes Yoghurt Gum und/oder Yogurette erinnert“, gepaart mit „typische[n] Mufftöne[n] und einer säurearmen, lätschigen Struktur“. So weit, so launig formuliert.

Unterhaltsamer wird das ganze Grauburgunder-Bashing nur noch vom Master Sommelier Hendrik Thoma betrieben. Der hatte auf Facebook „einen kaltvergorenen, restsüßen Grauburgunder als passionsloses Tröpfchen beschrieben“ und wurde daraufhin als GB-Hater getagged und von befreundeten Sommeliers zu seinem Geburtstag mit Grauburgundern bedacht. Die Bekehrung Thomas schlug fehl, so viel nehme ich gleich vorweg. Bei Schäfer-Fröhlichs Grauburgunder S aus dem Jahr 2016 werden in der Nase ein „bisschen Honignoten“ und ein bisschen „Williams-Christbirne“ ausgemacht. Am Gaumen dann eine leichte Bitterkeit und Aromen von Bittermandel und brauner Butter. Das Fazit ist, dass der Wein zwar „in Ordnung ist“, ihn aber „nicht bockt“. Damit erfährt Schäfer-Fröhlich noch eines der milderen Urteile der Verkostung. Als ähnlich befriedigend bis ausreichend wird der Grauburgunder Hand in Hand der Weingüter Klumpp und Meyer-Näkel bewertet. In Sachen Unterhaltungswert sind eindeutig die Verkostungen des Grauburgunders vom Weingut der Stadt Mainz 2015 – „Ne, ne, ne. Schmeckt so bisschen wie so ne Tischlerarbeit“ – und des Großen Gewächses Tiefenbacher Spiegelberg vom Weingut Heitlinger – „Nein! Nein! Nein! Nicht mit mir! […] ist mir zu kurz, die Nase finde ich sehr üppig, den Geschmack finde ich fast ein bisschen dünn“ – aber nicht zu toppen. Ebenfalls unterhaltsam die Bewertung des als Orangewein ausgebauten „Freyheit“-Grauburgunders des österreichischen Weinguts Heinrich: „Heieiei. Oah! Oah, Boah! Krasse Säure, Zupackende Gerbstoffe. Kein Wein für Weicheier.“ Die Gewinner dieser Probe stellen dann abschließend Franz Kellers 2015er Grauburgunder Oberbergener Bassgeige – „Hinten raus so ein bisschen Bittermandel, wieder diese braune Butter, dieses ganz bisschen Zitrus. Hat ne schöne Säure“ – und Friedrich Beckers Grauburgunder vom Kalkmergel Alte Reben – „knochentrocken, das mag ich gerne … schöne Frische, sehr interessant“ – dar, für die es gedämpftes Lob gibt. Mit der Bassgeige kannte ich dann auch tatsächlich einen Wein, den Thoma präsentierte, selbst und kann dessen Lob nur bestätigen bzw. erhöhen. Die Bassgeige ist meiner Meinung nach preis-leistungstechnisch kaum zu schlagen. Zugleich möchte ich an dieser Stelle aber vor Kellers großem Gewächs Kähner warnen, das mir damals viel zu pflanzlich-gemüsig-gerbig geschmeckt hat. Die 9,50€ Aufpreis kann man sich wirklich sparen.

Inspiriert durch das Grauburgunder-Bashing entschloss ich mich dafür, mal wieder zu dieser Rebsorte zu greifen und mir zwei moderat bepreiste Vertretern zu besorgen. Zum einen den 2016er Grauburgunder des von mir geschätzten rheinhessischen Weinguts Thörle und zum anderen den 2016er Pinot Gris Expression des elsässischen Weinguts Agapé. Letzteren Wein besorgte ich auch aufgrund von Thomas Aussage, dass er ganz gerne mal elsässische Grauburgunder trinke.

Thörles 2016er Grauburgunder Gutswein

Das Weingut Thörle, das im aktuellen Gault Millau in die vier-Trauben-Klasse (von 5 möglichen) aufgestiegen ist, sitzt in Saulheim. Der Grauburgunder wächst um Saulheim herum auf Böden, die von Kalkstein-Sedimenten und Löss-Lehm Auflagen geprägt sind. Gerade die Kalkstein-Sedimente und der kalkhaltige Löss sind besonders gut geeignet für den Anbau von Burgunder-Rebsorten wie Chardonnay, Weißburgunder, Spätburgunder und Grauburgunder. Er hat durchschnittliche 12,5% Alkohol. Zum Ausbau erfährt man, dass die Trauben vor der Vergärung angequetscht und für 20 Stunden in der Maische mazeriert werden, bevor sie zu 92% im Edelstahltank und zu 8% im Holzfass-Tonneau mit natürlichen Hefen vergoren und anschließend für 4 Monate auf der Vollhefe belassen werden. Das heißt, dass die Thörle-Brüder auf einen Abstich, also das Abziehen des Saftes von den Trubstoffen, in den ersten vier Monaten verzichten. Von der Vinifikation her finde ich das einen schönen Ansatz.

Grauburgunder Rheinhessen 2016

Der Wein zeigt sich direkt nach dem Öffnen in der Nase sehr zurückhaltend. Es zeigt sich eigentlich keine Frucht und nur ein entfernter Anklang von Honig und Hefe. Beides maximalst dezent. Mit der Zeit kommt dann ein bisschen herber Apfel hervor. Im Mund zeigt sich der Wein dagegen viel expressiver mit einer schönen animierenden Säure und ordentlicher Fruchtigkeit. Mit der Zeit riecht der Wein dann auch etwas stärker – es lässt sich nun ein bisschen Frucht und Süße wahrnehmen. Typisch für die Rebsorte hat der Wein im Mund einen volleren Körper und eine deutliche Bitternote. Diese leicht herbe Bitternote trägt auch ein Stück weit den Abgang des Weins, wirkt aber durchaus appetitanregend und prädestiniert den Wein so als Apperitiv. Seine Fruchtigkeit ist ausgeprägt, wirkt aber nicht ganz so krass fruchtig wie sonstige kaltvergorenen Weine. Er ist durchaus sehr ordentlich gemacht, lässt mein Herz aber auch nicht so wirklich höher schlagen. Besonders dieser Bitterton, den ich sonst vor allem von italienischen Weißweinen kenne, stört mich ein bisschen. Nach einem Tag im Kühlschrank ist dieser Ton gefühlt (vielleicht auch Tagesform abhängig) zurückgegangen. In den Folgetagen zeigt er sich der Wein geschmacklich verbessert. Der Bitterton ist zurückgegangen. Es hat sich im Mund eine frische Apfel- und Limettennote eingestellt; trotzdem ist die Säure cremig abgerundet. In der Nase tritt immer mehr eine Hefe- und Honignote hervor.

Agapés 2016er Pinot Gris Expression

Es folgte die Verkostung des elsässischen Pinot Gris Expression von Agapé. Über den erfährt man, dass er wohl auf kalkhaltigen Böden und – so wie alle Reben des Weinguts – auf einer Steillage wächst. Weiter heißt es, dass der Pinot Gris „vorwiegend in Holzfässern ausgebaut“ wird – die Größe muss sich der geneigte Kunde selbst überlegen. Ich schätze, dass es sich um rund 1000 Liter fassende Stückfässer oder rund 500 Liter fassende Halbstückfässer handeln wird – vielleicht auch um eine Mischung verschiedener Fassgrößen. Wie dem auch sei. Aufgrund des in der Steillage herrschenden Temperaturgefälles zwischen Tag und Nacht, erwarte ich bei dem Elsässer Grauburgunder die markantere Säure. Riquewihr und Saulheim haben ansonsten zufälligerweise dieselbe jährliche Durchschnittstemperatur von 9,4 Grad. Der Wein hat auch nur geringfügig höhere 13% Alkohol.

Der Pinot Gris ist in der Nase sehr frisch und fruchtig. Erstaunlicherweise auch frischer als der Thörle. Von Mufftönen ist hier meiner Meinung nach keine Spur. Normalerweise würde eigentlich aus dem Edelstahltank durch den reduktiven Ausbau und die eventuell durchgeführte Kühlung die Fruchtbombe kommen. Als erstes nehme ich eine richtig reife Honigmelone wahr. Auf Anhieb sind auch ein paar Zitrusaromen da oder eher sogar Quittenaromen. Außerdem kann ich Birnenaromen ausmachen. Abschließend lässt sich auch hier relativ deutlich Apfel wahrnehmen. Der Wein ist durchaus komplex in der Nase. Die mit der Fruchtigkeit einhergehende Assoziation geht phasenweise deutlich Richtung Überreife. „Riecht fast ein bisschen ordinär“, meint meine Frau. Ja, das kann man auch so bewerten. Im Mund zeigt sich der Pinot Gris sehr aufgeräumt und klar mit moderater Säure, die mir aber genügt. Auch hier präsentiert er sich fruchtig mit ordentlichem Gerbstoff. Aufgrund dieses Gerbstoffs dominieren Assoziationen von Quitten, die ja von Haus aus eine deutliche Bitterkeit mitbringen. Außerdem stellen sich Assoziationen zu Nussaromen ein. Das ist ein durchaus nicht unkomplexer, leckerer Wein. Er macht mich zwar nicht sprachlos aufgrund seiner Brillanz, ist aber wirklich sehr ordentlich. So ordentlich, dass er keine Gründe liefert, die Rebsorte anzufeinden. Die 13,80€, die ich im Fachhandel für ihn bezahlt habe, sind – vor allem wenn man bedenkt, dass der Wein auf einer arbeitsintensiven Steillage wächst – gerechtfertigt. Für ungefähr den selben Preis bekommt, aber Kellers Bassgeige, die noch einen Tick trockener ist, auch schon… Die Vertreter, die Thoma so zu Höchstform haben auflaufen lassen, gibt es abgesehen von diesen zwei positiven Beispielen natürlich trotzdem häufig. Aber wenn Grauburgunder so oder so ähnlich gemacht wird, dann will ich wirklich nicht meckern.

Weil Thomas Reaktionen aber so schön ungeschminkt und auch ein Stück weit unversöhnlich waren und dadurch für mich Qualität haben, will ich abschließend nicht verhehlen, dass es Rebsorten gibt, mit denen auch ich so gar nichts anfangen kann. Carignan ist mir z. B. mit seinen heftigen, gerne mal den Mund austrocknenden Tanninen meistens too much. Harmonie ist für diese Rebsorte wirklich ein absolutes Fremdwort. Unvergessen ist die Empörung, die ich während eines Sardinien-Urlaubs vor ein paar Jahren empfand, als sich beim Austesten der heimischen Weine ein Carignano del Sulcis dazwischen mogelte, der neben den teilweise sehr satisfaktionsfähigen Cannonaus (ist identisch mit Grenache) als ausgesprochen ungehobelter Charakter in Erscheinung trat. Auch danach ist mir nie ein Carignan unterkommen, den ich toll gefunden hätte. Dementsprechend ist das so eine Rebsorte, bei der ich frei nach Thoma gerne sage: Nein! Nein! Nein! Nicht mit mir!